Rezension,  Roman

Offene See – Benjamin Myers

Der Dumont Verlag hat nun schon zum zweiten Mal die Aktion #thepassionweshare ins Leben gerufen. Dieses Mal wurde “Offene See” von Benjamin Myers gelesen und ich hatte das große Glück, ein Teil dieser tollen Aktion sein zu dürfen. Im Mai habe ich gemeinsam mit meiner Tandempartnerin Claire “Offene See” gelesen und darüber diskutiert. Ob mir “Offene See” letztendlich gefallen hat, erfahrt ihr im Folgenden.

Allgemeine Infos zum Buch

Titel: Offene See
Autor: Benjamin Myers
Übersetzer*in: Klaus Timmermann, Ulrike Wasel
Verlag: Dumont
Seiten: 270
Preis: Hardcover (20€), E-Book (15,99€)


Zum Inhalt

Der junge Robert weiß schon früh, dass er wie alle Männer seiner Familie Bergarbeiter sein wird. Dabei ist ihm Enge ein Graus. Er liebt Natur und Bewegung, sehnt sich nach der Weite des Meeres. Daher beschließt er kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, sich zum Ort seiner Sehnsucht, der offenen See, aufzumachen. Fast am Ziel angekommen, lernt er eine ältere Frau kennen, die ihn auf eine Tasse Tee in ihr leicht heruntergekommenes Cottage einlädt. Eine Frau wie Dulcie hat er noch nie getroffen: unverheiratet, allein lebend, unkonventionell, mit sehr klaren und für ihn unerhörten Ansichten zu Ehe, Familie und Religion. Aus dem Nachmittag wird ein längerer Aufenthalt, und Robert lernt eine ihm vollkommen unbekannte Welt kennen. In den Gesprächen mit Dulcie wandelt sich sein von den Eltern geprägter Blick auf das Leben. Als Dank für ihre Großzügigkeit bietet er ihr seine Hilfe rund um das Cottage an. Doch als er eine wild wuchernde Hecke stutzen will, um den Blick auf das Meer freizulegen, verbietet sie das barsch. Ebenso ablehnend reagiert sie auf ein Manuskript mit Gedichten, das Robert findet. Gedichte, die Dulcie gewidmet sind, die sie aber auf keinen Fall lesen will.


Meine Meinung

Der Start in „Offene See“ fiel mir erstaunlich schwierig. Mit der Sprache von Benjamin Myers kam ich zunächst nur bedingt zurecht. Sie war mir schlicht zu geschwollen – so, als hätte man händeringend versucht, eine edle Sprache zu verwenden, die die Handlung jedoch nicht zwingend gebraucht hätte. Zudem wurde der Einstieg zusätzlich durch den Protagonisten erschwert. In “Offene See” begleiten wir den 16-jährigen Robert, der nach dem 2. Weltkrieg seiner Zukunft für eine kurze Zeit entliehen möchte. Statt der Arbeit im Bergwerk möchte er sein Land und seine Heimat etwas genauer kennenlernen. Sein Ziel: das Meer. Auf dem Weg dorthin nimmt er uns in seine Welt, seine Gedanken zum Krieg und sein eigenes Leben mit. Allerdings empfand ich diese Passagen als sehr langatmig und zähflüssig. Zumal sie die Handlung nur bedingt vorangebracht haben. Bis zu einem gewissen Punkt hatte ich sogar Angst, dass ich mich durch „offene See“ quälen müsste, doch dann trat eine Figur auf, die mir persönlich Myers Roman gerettet hat: Dulcie – eine rüstige Frau, die seine Ansichten auf die Welt und das Leben verändert. Direkt auf der ersten Seite wurde ich mit Dulcie warm. Ihr humorvoller Charakter bereicherte die Handlung ungemein. Und obwohl Roberts Entwicklung weiterhin im Fokus der Handlung stand, wurde Dulcie für die Handlung immer relevanter. Ihr Geheimnis nimmt zusehend eine zentrale Rolle ein. Ich wollte unbedingt wissen, warum sie so ist, wie sie es eben ist. Zumal ihre Art und ihre Lebensgeschichte in der damaligen Zeit wohl als außergewöhnlich anzusehen ist. Dulcie ist wohl der Freigeist in Person – nur eben, dass sie unterwegs diesen verloren bzw. tief vergraben hat. Gemeinsam mit Robert begeben wir uns auf die Reise, Dulcies Geheimnis herauszufinden und gleichzeitig wandelt sich Roberts Ansichten ebenfalls. Diese Gegensätzlichkeit zu sehen, empfand ich als sehr faszinierend. 

Nach anfänglichen Schwierigkeiten musste ich beim Beenden des Buches ich jedoch feststellen, dass ich „Offene See“ mochte – zwar gab es einige Schwierigkeiten (die Sprache und der Protagonist Robert), aber der Grundgedanke des Romans gefiel mir: Eine ältere Dame, die einem jungen Mann ein anderes Leben als das ihm vorbestimmtes vor Augen führe möchte. Dulcie ist mir regelrecht ans Herz gewachsen. Eine weltoffene Frau, die im damaligen konservativen England offensichtlich anecken musste. Doch gerade ihre offene Art und ihr Geheimnis gaben „Offene See“ eine emotionale Ebene, die mich wirklich sehr berührt hat – die ein oder andere Träne kamen dabei zum Vorschein. 

Eure Isa.


*Rezensionsexemplar

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